Haushofer, Marlen:
¬Die¬ Wand : Roman / Marlen Haushofer – 10. Aufl. – Berlin : List, 2007. – 285 S. (List ; 60571)
ISBN 3-548-60571-0
kart. : EUR 9,20
Es hätte ein entspannter Wochenendausflug mit Cousine Luise und deren Ehemann Hugo zu ihrer Jagdhütte werden sollen. Doch als die ich-Erzählerin am Morgen ins Dorf aufbrechen will, um die am Abend nicht heim gekehrten Miturlauber zu suchen, stößt sie plötzlich auf ein Hindernis in Form einer durchsichtigen Wand hinter der das Leben zum Erliegen gekommen ist. Abgeschnitten von jeglicher Zivilisation bleibt der Erzählerin nichts anderes übrig, als sich von ihrem bisherigen Leben abzuwenden und sich ganz dem Überleben zu verschreiben. So richtet sie sich mit den bei der Jagdhütte verbliebenen Tieren auf ein neues Leben in völliger Abhängigkeit von den Launen und dem Lauf der Natur ein.
Marlen Haushofers erster bekannter Roman “Die Wand” erinnert von seinem Inhalt her ein wenig an Robinson Crusoe und andere “Survival”-Romane. Jedoch gibt es im Umgang mit dieser Situation bei Haushofer große Unterschiede. Die Ich-Erzählerin, die ihre Geschichte in Form eines rückblickenden Berichts erzählt, gibt sich schon bald keiner Hoffnung auf Rettung mehr hin, sondern richtet ihre Anstrengungen vielmehr darauf, sich von einem “normalen” Stadtmenschen, der den Umgang mit der Natur schon fast völlig verlernt hat, zu einer Bäuerin und Sennerin zu entwickeln. “Die Wand” lässt sich in diesem Sinne also auch ein wenig als Entwicklungsroman betrachten.
Mit ihrer sehr einfachen und doch klaren Sprache versteht es Haushofer in diesem Roman ausgezeichnet mit Hilfe kleinerer, plötzlich in der Geschichte auftauchender Vorschauen Spannung aufzubauen. So lässt sie beispielsweise immer wieder Informationen fallen, dass im späteren Romanverlauf ein Mann auftauchen wird, der ebenfalls von der Wand mit eingeschlossen wurde. Interessant auch hier, wie Haushofer diese Begegnung ausgehen lässt. Während es wohl bei vielen Trivialromanen zu einer Art Happy-End im Sinne einer neuen Zweisamkeit gekommen wäre, greift die Ich-Erzählerin hier zur tötenden Waffe, da der Mann ohne Grund zwei ihrer lieb gewonnenen Tiere grausam und ohne bekannt gewordenen Sinn ermordet hat.
Für Leser, die Erzählungen mit breitem Interpretationsspielraum zu schätzen wissen und an Beschreibungen menschlichen Verhaltens in Extremsituationen Gefallen finden, ist dieser außergewöhnliche Roman ein “Must-Read”. Aber auch für alle anderen Freunde anspruchsvollerer Literatur ist er durchaus eine Empfehlung.
Nicht nur wegen seines gelungenen Inhalts, sondern auch wegen der oftmaligen Verwendung des Romans im Deutschunterricht kann jeder öffentlichen Bibliothek nur zu einem Ankauf geraten werden.